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Was ist Judo
Auf den nachfolgenden Seiten
gibt es Informationen über die Entstehung des Judo.
Hier erst mal ein Lehrbrief
von Prof. Jigoro Kano "Judo - Ein Beitrag zur Erziehung"
Der Zweck dieser Zeilen
ist, Ihnen in den Hauptzügen zu erklären, was Judo ist. In
unserer Ritterzeit gab es viele militärische Übungen wie
Fechten, Bogenschießen, Speerwerfen usw. Unter diesen wird
eine Jiu-Jitsu genannt, eine zusammen gesetzte Übung,
hauptsächlich bestehend aus den Arten des Kampfes ohne
Waffen, wobei gelegentlich aber auch Dolche, Schwerter und
andere Waffen benutzt wurden. Die Arten des Angriffs waren
meist Werfen, Schlagen, Würgen, Stoßen oder Treten des
Gegners, den Gegner niederhalten, Arme oder Beine des
Gegners biegen oder verdrehen, um Schmerzen oder Bruch zu
verursachen. Der Gebrauch von Schwertern und Dolchen wurde
auch gelehrt. Wir hatten auch zahlreiche Möglichkeiten, uns
gegen solche Angriffe zu wehren. Diese Übungen in
einfachster Form bestanden sogar in unserem mythologischen
Zeitalter. Aber die systematische Unterweisung, als eine
Kunst, reicht erst ungefähr 350 Jahre zurück.
In meiner Jugend studierte
ich diese Kunst bei drei hervorragenden Meistern dieser
Zeit. Der größte Nutzen stammte von diesem Studium, es
lehrte mich mit dem Gegenstand ernsthafter umzugehen und
1882 eröffnete ich eine eigene Schule, die ich Kodokan
nannte. Kodokan bedeutet "Schule zum Studium des Wegs". Die
wirkliche Bedeutung des ,,Wegs" ist der Begriff des Lebens.
Ich nannte den Gegenstand, den ich lehrte "Judo" statt
"Jiu-Jitsu". Zuerst will ich Ihnen die Bedeutung dieser
Worte erklären. "Jiu" bedeutet sanft oder nachgeben, "Jit-su"
Kunst oder Kunstgriff; und "do" Weg oder Grundsatz; so
bedeutet "Jiu-Jitsu", eine Kunst erst nachzugeben um
schließlich den Sieg zu erringen; während Judo bedeutet den
Weg oder Grundsatz desselben.
Lassen Sie mich nun erklären,
was mit dieser Sanftheit oder dem Nachgeben wirklich gemeint
ist. Nehmen wir an, wir messen die Stärke eines Mannes mit
Einheiten von eins. Zum Beispiel die Stärke eines vor mir
stehenden Mannes wird von 10 Einheiten dargestellt, während
meine Stärke, die geringer ist, nur 7 Einheiten darstellt.
Wenn er mich nun mit seiner ganzen Kraft stößt, werde ich
natürlich zurückgestoßen oder hingeworfen, auch wenn ich
meine ganze Kraft gegen ihn nutze. Dies würde geschehen,
obgleich ich meine ganze Kraft gegen ihn wenden würde, Kraft
gegen Kraft gemessen. Aber, wenn ich anstatt mich ihm
entgegenzustellen, nachgebe und meinen Körper gerade soviel
zurückziehe, wie er mich gestoßen hat und dabei das
Gleichgewicht halte, dann würde er sich natürlich
vorwärtsneigend und dabei sein Gleichgewicht verlieren.
In dieser neuen Stellung,
wird er so schwach (nicht in wirklicher physischer Stärke,
sondern angesichts seiner ungeschickten Stellung), dass
seine Stärke in diesem Augenblick nur 3 Einheiten darstellt
statt seiner normalen 10 Einheiten. Währenddessen erlange
ich, immer Gleichgewicht haltend, meine volle Kraft wieder,
die ursprünglich 7 Einheiten darstellte. Hierdurch bin ich
augenblicklich in einer günstigen Lage, und ich kann meinen
Gegner mit nur halber Kraft schlagen, das ist die Hälfte von
7 oder 31/2 gegen 3. Dies lässt die Hälfte meiner Kraft für
andere Zwecke verfügbar. Falls ich größere Kraft als mein
Gegner hätte, könnte ich ihn natürlich zurückstoßen. Aber
auch in diesem Falle, wenn ich ihn zurückstoßen wollte und
auch die Kraft dazu hätte, würde ich, um mit meiner Energie
besser Haus zu halten, zuerst nachgegeben haben.
Dies ist ein einfaches
Beispiel dafür, wie ein Gegner durch Nachgeben geschlagen
werden kann. Andere Beispiele mögen folgen.
Angenommen mein Gegner
versucht, meinen Körper zu drehen in der Absicht mich zu
Fall zu bringen. Würde ich ihm widerstehen, würde ich
bestimmt zu Boden geworfen werden, weil meine Kraft nicht
ausreicht, ihm Widerstand zu leisten. Aber wenn ich
andererseits ihm Raum gebe und meinen Gegner noch ziehe,
kann ich ihn sehr leicht absichtlich werfen, besonders wenn
ich dabei zu Boden gehe.
Ich will noch ein anderes
Beispiel geben. Angenommen wir gehen einen Bergpfad entlang,
an einer Seite ein Abgrund und dieser Mann springt plötzlich
auf mich zu und versucht, mich in den Abgrund zu stürzen. In
diesem Falle könnte ich es nicht verhindern, in den Abgrund
geworfen zu werden, auch wenn ich es versuchte ihm zu
widerstehen, während im Gegenteil, wenn ich ihm nachgebe, im
selben Augenblick meinen Körper wende und meinen Gegner zum
Abgrund ziehe, so kann ich ihn leicht über den Rand werfen
und zur selben Zeit meinen Körper auf dem Boden in
Sicherheit bringen.
Ich kann noch beliebig viele
Beispiele anführen, aber ich denke, die, die ich gegeben
habe, genügen, damit sie verstehen, wie ich einen Gegner
durch Nachgeben besiegen kann, und da gibt es so viele
Beispiele im Jiu-Jitsu-Kampf, in welchem dieser Grundsatz
angewendet wird, und weswegen der Name Jiu-Jitsu (das ist
sanft oder nachgeben) zum Namen dieser ganzen Kunst geworden
ist.
Aber, genau gesprochen, das
wirkliche Jiu-Jitsu ist etwas mehr. Die Wege, den Sieg über
einen Gegner durch Jiu-Jitsu zu erringen, sind nicht darauf
beschränkt den Sieg durch Nachgeben zu erringen. Manchmal
schlagen, stoßen und würgen wir auch im körperlichen Kampf,
aber im Gegensatz zum Nachgeben sind dies verschiedene
Formen von positivem Angriff. Manchmal hält der Gegner das
Handgelenk fest. Wie kann man sich freimachen, ohne seine
Kraft gegen des Gegners Griff anzuwenden? Dasselbe kann man
sagen, wenn jemand einen Gegner vom Rücken aus angreift.
Wenn also der Grundsatz des Nachgebens nicht alle Kniffe des
Jiu-Jitsu-Kampfes erklären kann, gibt es dann überhaupt
einen Grundsatz, der wirklich das ganze Feld deckt? Ja, den
gibt es, das ist der Grundsatz des möglichst wirksamen
Gebrauchs von Geist und Körper und Jiu-Jitsu ist nichts
anderes als die Anwendung dieses alldurchdringenden
Grundsatzes anzugreifen und zu verteidigen.
Kann dieser Grundsatz auch
auf anderen Gebieten menschlichen Wirkens angewandt werden?
Ja, denselben Grundsatz kann man anwenden zur
Vervollkommnung des menschlichen Körpers, um ihn kräftig,
gesund und nützlich zu machen, hiernach zu handeln bedeutet
die körperliche Erziehung. Er kann auch angewandt werden zur
Vervollkommnung der intellektuellen und moralischen Kraft
und bedeutet dann die geistige und moralische Erziehung. Er
kann ebenso angewandt werden zur Vervollkommnung von Kost,
Kleidung, Wohnung, gesellschaftlichen Verkehr und bedeutet
Studium und Übung auf den Wegen des Lebens. Ich gab diesem
alles durchdringenden Grundsatz den Namen "Judo". So ist
Judo im weiten Sinne ein Studium und eine Übungsmethode für
Geist und Körper wie auch für die Vorschriften des Lebens
und Geschäfts.
Daher kann Judo, in einer von
diesen Formen studiert und geübt werden mit Angriff und
Verteidigung als Hauptziel. Bevor ich den Kodokan eröffnete,
wurden diese Angriffs- und Verteidigungsformen studiert und
geübt nur unter dem Namen Jiu-Jitsu, verschiedentlich auch
genannt Taijutsu, das bedeutet, die Kunst den Körper zu
handhaben oder Yawara, die sanfte Handhabung. Aber ich kam
zu der Einsicht, dass das Studium dieses alles
durchdringenden Grundsatzes wichtiger ist als das bloße Üben
des Jiu-Jitsu, weil das richtige Verstehen dieses
Grundsatzes uns nicht nur befähigt, ihn in allen Lebenslagen
anzuwenden, sondern auch große Dienste leistet beim Studium
der Kunst des Jiu-Jitsu selbst.
Man kann diesen Grundsatz
nicht nur so erfassen, wie ich es tat. Man kann zu demselben
Schluss kommen durch philosophische Betrachtungen der
täglichen Geschehnisse oder durch abstrakte philosophische
Ergründung. Aber als ich anfing zu lehren, hielt ich es für
ratsam, demselben Verlauf zu folgen, den ich beim Studium
dieser Sache nahm, denn dadurch konnte ich den Körper meiner
Schüler gesund,
kräftig und nützlich machen.
Gleichzeitig konnte ich ihnen helfen, diesen überaus
wichtigen Grundsatz zu begreifen. Aus diesem Grund begann
ich die Unterweisung im Judo mit Übungen in Randori und
Kata. Randorie bedeutet freie Übung und wird unter den
Bedingungen des wirklichen Kampfes gehandhabt. Es umfasst
Stoßen, Würgen, den Gegner niederhalten und Arme oder Beine
biegen und verdrehen. Die zwei Kämpfenden können jeden
beliebigen Kniff anwenden, jedoch vorsichtig, um sich
gegenseitig nicht zu verletzen, und müssen den Regeln des
Judo betreffend Höflichkeitsformen gehorchen.
Kata, was wörtlich Form
bedeutet, ist ein regelmäßiges System von vorbereiteten
Übungen, wie Stoßen, Schlagen, Werfen, Stechen usw. nach
Regeln, so dass jeder Kämpfer vorher genau weiß, was sein
Gegner tun wird. Das Üben von Stoßen, Schlagen, Werfen und
Stechen wird in Kata gelehrt und nicht in Randori, denn
würden sie in Randori angewandt, könnte leicht ein Unfall
entstehen, während in Kata nicht so leicht Unfälle entstehen
können, weil alle Angriffe und Abwehren vorbereitet sind.
Randori wird in verschiedenen
Formen geübt. Ist das Ziel einfach ein Üben der Angriffs-
und Verteidigungsformen, kann die Aufmerksamkeit besonders
gerichtet werden auf das Üben der wirksamsten Mittel beim
Werfen, Biegen oder Verdrehen, ohne dabei besondere Absicht
auf die Entwicklung der Körper, oder die geistige und
moralische Kultur zu legen.
Randori kann auch studiert
werden mit physischer Erziehung als Hauptziel. Ich habe
schon gesagt, alles muss mit dem Grundsatz von größter
Wirksamkeit verrichtet werden. Wir wollen nun sehen, wie die
bestehenden Systeme der körperlichen Erziehung diese Prüfung
bestehen. Im ganzen genommen, ist Athletik wohl nicht die
ideale Form der körperlichen Erziehung, denn jede Bewegung
ist nicht zur allgemeinen Ertüchtigung des Körpers gewählt,
sondern um irgendein anderes bestimmtes Ziel zu erreichen.
Und weiter, verlangen wir eine besondere Ausrüstung und
lassen eine Anzahl Personen daran teilhaben, so ist diese
Athletik eine Übung für nur eine bestimmte Gruppe von
Menschen und nicht ein Mittel, die physischen Bedingungen
einer ganzen Nation zu verbessern. Dies trifft zu beim
Boxen, Ringen und verschiedenen Sorten militärischer
Übungen, die in der ganzen Welt geübt werden. Dann mögen die
Leute fragen: Ist Gymnastik nicht eine ideale Form von
nationaler körperlicher Ertüchtigung?
Darauf antworte ich, dass es
wohl eine ideale Form von körperlicher Erziehung ist, die es
ermöglicht, den ganzen Körper zu entwickeln und nicht
unbedingt besondere Ausrüstung und Teilnehmerverlangt. Aber
bei der Gymnastik mangelt es an sehr wichtigen Dingen, die
für die physische Erziehung einer ganzen Nation wesentlich
sind.
Diese Mängel sind:
-
Verschiedene gymnastische
Bewegungen haben keinen Sinn und sind natürlich ohne
Interesse,
-
Kein weiterer Nutzen wird
durch das Üben gewonnen,
-
Erlangung von besonderer
Geschicklichkeit kann bei der Gymnastik nicht so sehr
erreicht werden wie bei manchen anderen Übungen.
Von diesem kurzen Überblick
über das ganze Gebiet der körperlichen Erziehung kann ich
sagen, dass bis jetzt noch keine ideale Form erfunden ist,
die die notwendigen Bedingungen dazu erfüllt.
Diese ideale Form kann nur
erschaffen werden durch ein Studium begründet auf größter
Wirksamkeit. Um all diese Bedingungen und Forderungen zu
erfüllen, muss ein System erfunden werden, das als erste
Überlegung die allgemeine Entwicklung des Körpers hat wie in
dem Fall der Gymnastik. Das nächste wäre, die Bewegungen
müssten einen Sinn haben, so dass sie mit Interesse
ausgeführt würden. Dann wieder, die Bewegungen müssen so
sein, dass sie keinen großen Raum, keine besondere Kleidung
oder Ausrüstung verlangen. Weiterhin müssen sie so sein,
dass sie sowohl einzeln als auch in Gruppen ausgeführt
werden können.
Dies sind die Bedingungen und
Forderungen für ein befriedigendes System zur körperlichen
Erziehung einer ganzen Nation. Erst ein System, das diese
Anforderungen erfolgreich erfüllt, kann als Programm zur
körperlichen Erziehung, begründet auf den Grundsatz größter
Wirksamkeit, in Erwägung gezogen werden.
Ich habe diesen Gegenstand
lange Zeit studiert und habe zwei Formen gefunden, welche
wohl alle diese Anforderungen erfüllen.
Eine Form nenne ich die
"darstellende Form". Dies ist der Weg, Gedanken, Ideen und
Gemütserregung durch Bewegungen der Glieder, des Körpers und
des Kopfes darzustellen. Tanzen wäre eine dieser Beispiele,
aber Tanzen ist nicht zum Zweck körperlicher Erziehung
erfunden und darum kann man nicht sagen, dass es diese
Forderungen erfüllt. Aber es ist möglich, verschiedene Arten
von Tänzen zu erfinden, die für Menschen verschiedenen
Geschlechts und geistiger und körperlicher Bedingungen
passend, die moralische Gedanken und Gefühle ausdrücken,
sodass, verbunden mit der Ausbildung der geistigen Seite
einer Nation, auch der Körper entwickelt werden kann in
einer Art, die für alle geeignet ist.
Diese darstellende Form,
nehme ich an, ist auf die eine oder andere Art üblich in
Amerika und Europa, Sie werden wissen, was ich meine, darum
will ich dies nicht weiter behandeln.
Dann gibt es noch eine andere
Form, die ich Angriff- und Abwehr-Form" nenne. In dieser
habe ich verschiedene Methoden des Angriffs und der Abwehr
vereinigt, und zwar so, dass das Ergebnis zu einer
harmonischen Entwicklung des ganzen Körpers führt. Die
gewöhnlichen Methoden des Angriffs und der Abwehr, wie sie
in Jiu-Jitsu gelehrt werden, kann man nicht als ideal für
die Entwicklung des Körpers bezeichnen, darum habe ich sie
so vereinigt, dass sie die notwendigen Bedingungen zur
harmonischen Entwicklung des Körpers erfüllen. Man kann
sagen, dies erfüllt zwei Zwecke: 1. körperliche Entwicklung,
2. Übung in der Kunst des Kampfes. Das von jeder Nation
verlangt wird, dass sie für ihre nationale Verteidigung
sorgt, so muss jeder Einzelne sich selbst verteidigen
können, In diesem Zeitalter der Aufklärung würde niemand
daran denken sich auf einen Angriff anderer Personen oder
anderer Nationen vorzubereiten oder um anderen Gewalt
anzutun. Aber Verteidigung aus dem Grunde der Gerechtigkeit
und Menschlichkeit darf niemals von einer Nation oder einem
Einzelwesen vernachlässigt werden.
Diese Methode körperlicher
Erziehung in Angriffs- und Verteidigungs- formen teilte sich
in zwei Arten von Übungen: die eine ist eine Übung für einen
einzelnen, die andere eine Übung mit einem Gegner.
Durch meine Erklärungen haben
Sie ohne Zweifel verstanden, was ich meine mit körperlicher
Erziehung begründet auf dem Grundsatz von größter
Wirksamkeit. Obgleich ich unbedingt verteidige, dass die
körperliche Erziehung einer ganzen Nation von diesem
Grundsatz geleitet werden muss, lege ich gleichzeitig keinen
geringeren Nachdruck auf Athletik und verschiedene
kriegerische Übungen. Wenn sie auch nicht als passend für
die körperliche Ertüchtigung einer ganzen Nation erachtet
werden können, weil sie eben nur zur Pflege von einzelnen
Gruppen von Personen dienen, haben sie doch ihren besonderen
Wert und ich will niemand davon abschrecken, besonders nicht
von den Randori- Übungen im Judo.
Ein großer Wert liegt bei
Randori in der Fülle der Bewegungen, die tauglich zur
körperlichen Ertüchtigung sind. Ein anderer Wert liegt
darin, dass jede Bewegung einen Zweck hat und mit Überlegung
ausgeführt wird, während bei gewöhnlicher Gymnastik die
Bewegungen des Interesses entbehren. Das Ziel eines
systematischen körperlichen Trainings im Judo ist nicht nur
den Körper zu entwickeln, sondern den Mann oder die Frau in
die Situation zu setzen, eine vollkommene Kontrolle über
Geist und Körper zu haben und so auf jedes Ereignis
vorbereitet zu sein, sei es ein einfacher Zwischenfall oder
ein Angriff durch andere.
Obgleich Übungen im Judo
hauptsächlich zwischen zwei Personen in einem extra für
diesen Zweck hergerichteten Raum ausgeführt werden, ist dies
nicht immer notwendig. Sie können von einer Gruppe oder von
einer einzelnen Person auf dem Spielplatz oder in einem
gewöhnlichen Raum geübt werden. Man denkt im allgemeinen, in
Raum zu fallen ist mit Schmerz und manchmal mit Gefahr
verbunden. Aber eine kurze Erklärung, wie das Fallen gelehrt
wird, genügt um zu verstehen, dass es dabei keine Schmerzen
oder Gefahr gibt.
Ich will nun von der
intellektuellen Seite des Judo sprechen. Geistiges Training
beim Judo kann sowohl beim Kata als auch beim Randori
geschehen, aber erfolgreicher bei dem letzteren. Da Randori
ein Kampf zwischen zwei Personen ist, die alle Mittel
benutzen und den vorgeschriebenen Regeln des Judo gehorchen,
müssen beide Gegner äußerst aufmerksam sein und sich bemühen
schwache Punkte des Gegners zu erkennen, um anzugreifen
sobald sich eine Gelegenheit bietet. Solch eine Gewohnheit
des Geistes, Angriffsmittel zu finden, macht den Schüler
ernst und aufrichtig, vorsichtig und überlegend in seinem
ganzen Wesen. Gleichzeitig wird man geübt in schnellem
Entschluss und sofortigem Handeln, denn wenn man beim
Randori sich nicht schnell entschließt und sofort handelt,
verliert man die Gelegenheit sowohl zum Angriff wie zur
Verteidigung.
Dann wieder kann der
Kämpfende beim Randori nicht sagen was der andere tun wird,
und so muss man immer auf einen plötzlichen Angriff des
anderen vorbereitet sein. Ist man hieran gewöhnt, so
entwickelt man einen hohen Grad von geistiger Gemütsruhe.
Übungen in Aufmerksamkeit und Beobachtung in der Übungshalle
entwickeln natürlich diese Fähigkeit, die im täglichen Leben
so nützlich ist.
Um Mittel zum Siege zu finden
sind Übungen der Kraft der Vorstellung, der Folgerung und
des Urteils unentbehrlich und diese Fähigkeit wird beim
Randori entwickelt. Andererseits ist das Studium des Randori
das Studium der Beziehungen zwischen zwei kämpfenden
Parteien; Hunderte von wertvollen Aufgaben stammen aus
diesem Studium, aber ich will mich im Augenblick damit
begnügen, Ihnen ein paar Beispiele zu geben. Beim Randori
lehren wir den Schüler immer nach dem grundlegenden Prinzip
des Judo zu handeln, ganz gleich wie körperlich unterlegen
ihm sein Gegner erscheint und sogar wenn es klar liegt, dass
er seinen Gegner leicht überwältigen kann. Wenn er gegen
diesen Grundsatz handelt, wird er seinen Gegner niemals von
seiner Niederlage überzeugen, welch rohe Gewalt er auch
angewandt hat. Es ist unbedingt notwendig, Ihre
Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass der Weg, den
Gegner durch Beweise zu überzeugen nicht der ist,
irgendeinen Vorteil ihm gegenüber auszunutzen, sei es den
der Kraft, des Wissens oder des Reichtums, sondern ihn zu
überzeugen durch unwiderlegliche Regeln der Logik. Die
Lehre, dass Überredung und nicht Zwang wirksam ist — dies
ist wertvoll im praktischen Leben —lernen wir es durch
Randori.
Wir lehren den Lernenden,
wenn er einen Kunstgriff anwendet, um seinen Gegner zu
überwältigen, nur soviel Kraft anzuwenden, wie unbedingt
nötig ist für den fraglichen Zweck, wobei er genau abwägt,
dass nicht zu viel und nicht zu wenig Kraft angewandt wird.
Es gibt nicht wenige Fälle, in denen der Fehler gemacht
wird, bei einem Unternehmen zu weit zu gehen, weil man nicht
weiß, wann man aufhören muss, und umgekehrt.
Um noch ein weiteres Beispiel
zu nehmen: Im Randori lehren wir den Schüler, dass er, um
den Sieg über einen wild erregten Gegner zu erringen, ihm
nicht mit aller Kraft Widerstand leisten soll, sondern, dass
er mit ihm spielt bis seine Wut verraucht.
Die Nützlichkeit dieser
Methode für das tägliche Leben ist augenfällig. Jedermann
weiß, dass keine Vernunftsgründe etwas nützen, wenn wir es
mit jemandem zu tun haben, der aufs äußerste erregt ist.
Alles, was man in solch einem Falle tun kann, ist abzuwarten
bis seine Wut sich legt. All diese Lehren erfassen wir beim
Üben des Randori. Ihre Anwendung im täglichen Leben ist ein
interessantes Studium und ist vor allem für junge Leute
höchst wertvoll als eigene geistige Übung. Ich will meine
Ausführungen über die geistige Seite von Judo beschließen,
indem ich kurz auf die vernünftigen Methoden der Ausbildung
des Wissens und der geistigen Kraft komme. Wenn wir genau
die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse
beobachten, sehen wir überall wie wir unsere Energie töricht
bei der Erlangung von Wissen verausgaben. Unsere ganze
Umgebung gibt uns fortgesetzt Möglichkeiten nützliches
Wissen zu erwerben. Aber meist versäumen wir es, diese
Gelegenheiten wahr zu machen. Wählen wir wirklich unsere
Bücher, Zeitschriften und Zeitungen gut aus? Finden wir
nicht oft, dass unsere Energie, die für die Sammlung
nützlichen Wissens hätte benutzt werden können, oft für
solches Wissen verbraucht wird, das für uns selbst und auch
für die Gesellschaft schädlich ist.
Außer der Erwerbung
nützlichen Wissens, müssen wir versuchen, unsere geistigen
Kräfte zu erhöhen, z. B. Gedächtnis, Aufmerksamkeit,
Beobachtung, Urteil, Überlegung, Vorstellungsgabe usw. Aber
dies sollten wir nicht dem Zufall überlassen, sondern wir
sollten dies in Übereinstimmung mit psychologischen Gesetzen
tun, sodass das Verhältnis dieser geistigen Kräfte
untereinander harmonisch wird. Nur bei getreuester Befolgung
des Prinzips der größten Wirksamkeit — das ist Judo — können
wir das Ziel erreichen, unser Wissen und unsere geistige
Kraft auf vernünftige Weise zu vermehren.
Ich will jetzt über die
sittliche Seite vom Judo sprechen. Es ist nicht meine
Absicht, über die moralische Erziehung zu reden, die
Schülern in dem Schulraum gegeben wird, wie die Beobachtung
der üblichen Höflichkeitsregeln, Mut und Ausdauer,
Freundlichkeit und Respekt vor anderen, Gerechtigkeit und
fair play" welches so sehr im athletischen Sport in der
ganzen Welt betont wird. Die Ausbildung in Judo hat in Japan
eine besondere moralische Bedeutung, weil Judo mit anderen
kriegerischen Übungen von unseren Samurai, die einen hohen
Ehrbegriff hatten, ausgeübt wurde, deren Geist uns durch
Judo überliefert worden ist. In diesem Zusammenhang möchte
ich ihnen erklären, wie das Prinzip der größten Wirksamkeit
uns dabei hilft, die moralische Führung zu verbessern.
Mancher ist gelegentlich sehr erregbar und geneigt sich über
Kleinigkeiten zu ärgern. Aber wenn man begreift, dass erregt
zu sein, einen unnötigen Verlust an Energie bedeutet und oft
einem selbst oder anderen schaden kann, so wird der Schüler
von Judo ein solches Verhalten vermeiden.
Mancher ist gelegentlich
niedergeschlagen auf Grund von Enttäuschungen, ist traurig
und hat keine Lust zu Arbeiten. Ein solcher fühlt sich durch
Judo veranlasst, herauszufinden, welches der beste Weg ist,
den er beschreiten kann. Solch ein niedergeschlagener Mann
scheint mir in derselben Lage zu sein, wie einer der auf der
Höhe des Erfolges ist. In beiden Fällen gibt es nur einen
Weg den er beschreiten kann, das ist der, den er selbst als
den besten in diesem Zeitpunkt erkennt. So kann man sagen,
dass die Lehre von Judo einen aus der Tiefe der Verstimmung
in ein Stadium energischer Tätigkeit mit einer frohen
Hoffnung in die Zukunft führen kann. Dieselbe Überlegung
trifft auf jemanden zu, der unzufrieden ist. Unzufriedene
Leute sind oft schlechter Laune, machen andere
verantwortlich, ohne sich genügend um ihren eigenen Beruf zu
kümmern. Die Lehre von Judo wird solchen Leuten verständlich
machen, dass ihr Verhalten gegen das Prinzip der größten
Wirksamkeit verstößt und wird Ihnen klarmachen, dass sie mit
der getreuen Befolgung dieses Prinzips sehr viel heiterer
werden. So ist die Lehre von Judo auf die verschiedensten
Arten für eine moralische Lebensführung von Wert.
Schließlich möchte ich noch
einige Worte über die Gefühlsseite vom Judo sagen. Wir
kennen alle das angenehme Gefühl, das uns unsere Muskeln
durch Übung geben, wir finden es angenehm, Fortschritte beim
Gebrauch unserer Muskeln zu machen und ebenso erfreulich ist
für uns die Empfindung der Überlegenheit über andere beim
Kampf. Aber zu diesen angenehmen Empfindungen kommt noch die
weitere aus den schönen Stellungen und Bewegungen, einerlei,
ob man sie selbst ausführt oder bei anderen sieht. Die
ästhetische Seite vom Judo besteht eben in der Übung und
Beobachtung solcher Bewegungen, die gleichzeitig Symbole
verschiedener Ideen sind.
Ich nehme an, Sie sehen nun,
was Judo tatsächlich bedeutet im Gegensatz zu Jiu-Jitsu
unserer Ritterzeit.
Wenn ich nun in einer kurzen
Form zusammenfasse, worüber wir gesprochen haben, so möchte
ich es folgendermaßen resümieren: Judo ist Studium und eine
Übung von Geist und Körper, die für die Führung des Lebens
und aller Angelegenheiten gilt. Aus der Übung der
verschiedenen Methoden von Angriff und Verteidigung kam ich
zu der Überzeugung, dass alles von der richtigen Anwendung
des einen großen Prinzips abhängt: was immer das Ziel ist,
es kann am besten erreicht werden durch den höchst wirksamen
Gebrauch von Geist und Körper für diesen Zweck.
Ebenso wie dieses Prinzip auf
die Methoden von Angriff und Verteidigung angewendet
Jiu-Jitsu bedeutet, so bedeutet dasselbe Prinzip auf
körperliche, geistige und sittliche Kultur angewendet, das
Wesen vom Judo.
Wenn die wirkliche Bedeutung
dieses Prinzips erkannt ist, kann es auf alle Seiten des
Lebens und der Tätigkeit angewendet werden und befähigt uns
ein würdiges und vernunftgemäßes Leben zu führen.
Das wirkliche Verständnis
dieses Prinzips muss nicht unbedingt durch die Übungen in
Angriff und Verteidigung erlangt werden, aber ich selbst kam
zum Verständnis dieser Ideen durch die Übung in diesen
Methoden.
Dieses Prinzip der größten
Wirksamkeit in seiner Anwendung auf das gesellschaftliche
Leben ebenso wie in seiner Anwendung auf Geist und Körper
verlangt vor allem Ordnung und Harmonie unter seinen
Mitgliedern und diese kann nur durch gegenseitige Hilfe und
Nachsicht erreicht werden, die zu allgemeiner Wohlfahrt und
Glück dienen. Das letzte Ziel vom Judo ist also, in den
Geist eines jeden Respekt für das Prinzip der größten
Wirksamkeit einzupflanzen und so allgemeine Wohlfahrt und
Glück zu verbreiten. Betrachten wir den tatsächlichen
gesellschaftlichen Zustand über die ganze Welt hin. Trotz
der Tatsache, dass Ethik in allen ihren Formen (religiöser,
philosophischer oder überlieferter Art) dazu da ist, das
gesellschaftliche Verhalten der Menschen zu verbessern und
einen idealen Zustand herbeizuführen, so zeigen uns die
Tatsachen fast das Gegenteil. Wir sehen Laster,
Streitigkeiten und Unzufriedenheit in jeder
gesellschaftlichen Klasse von der höchsten bis zur
niedrigsten. Während wir eine gesunde und ordentliche
Lebensführung schon in der Schule gelehrt bekommen, neigt
fast jeder dazu diese Regeln zu missachten.
Die tatsächlichen
Verhältnisse beweisen, dass unserer Gesellschaft etwas
fehlt, das ans Licht gebracht und allgemein anerkannt werden
muss und das die jetzige Gesellschaft neu formen könnte und
der Welt größeres Glück und mehr Zufriedenheit brächte. Das
ist die Lehre der größten Wirksamkeit und allgemeiner
Wohlfahrt und Glück.
Ich will damit nicht sagen,
dass unsere alten überkommenen moralischen und sittlichen
Vorschriften weniger beobachtet werden müssen. Indessen man
lässt diese Vorschriften ebenso viel geachtet wie bisher
aber man füge zu ihnen unser Prinzip der größten Wirksamkeit
und allgemeinen Wohlfahrt hinzu. Dies sage ich mit allem
Nachdruck, weil in unserem Zeitalter der Kritik und der
neuen Ideen jede neue Lehre einen unbestreitbaren
Vernunftsgrund haben muss, wenn sie sich durchsetzen will.
Jemand, der nachdenkt, sagt heutzutage nicht: Weil ich dies
oder jenes glaube, deswegen musst Du es auch glauben oder
ich kam zu diesem oder jenen Schluss durch meine eigene
Überlegung, deswegen musst Du zu demselben Schluss kommen".
Was man behauptet, muss auf Tatsachen gegründet sein oder
auf einer vernünftigen Überlegung, die kein Gesunder
verneinen oder bezweifeln kann. Sicherlich kann niemand das
Prinzip verneinen: "Was auch das Ziel ist, es kann am besten
erreicht werden durch den höchsten oder wirksamsten Gebrauch
von Geist und Körper für diesen Zweck." Ebenso kann niemand
bestreiten, dass nur durch Streben nach allgemeiner
Wohlfahrt und Glück jedes Mitglied der Gesellschaft von
Uneinigkeit und Streit abgehalten werden kann und in Frieden
und Wohlfahrt lebt. Vermutlich ist es die allgemeine
Anerkennung dieser Tatsachen, dass die Menschen soviel über
Wirksamkeit und wissenschaftliche Organisation reden. Hinzu
kommt, dass das Prinzip von Leistung und Gegenleistung immer
mehr der bestimmende Faktor im Leben der Menschheit wird. Es
ist doch wohl das Prinzip der allgemeinen Wohlfahrt und des
Glücks, das so allgemein anerkannt wurde, dass man den
Völkerbund gegründet hat und die Großmächte der Welt
zusammenkamen, um Rüstungsbeschränkungen zu vereinbaren.
Diese Tatsachen bedeuten auch eine klare Anerkennung der
dringenden Notwendigkeit von Wirksamkeit und allgemeiner
Wohlfahrt und Glück. Solche Bestrebungen müssen durch die
Erziehung in jedem Lande gefördert werden. |